

Financial Times Deutschland, 14.01.2009, Claus Hornung
Ebenerdige Duschen waren bislang ein teures Nischenprodukt. Sanitärtechnik Illbruck macht aus ihnen einen Massentrend - und den Herstellern herkömmlicher Modelle bricht der Absatz ein.
Manchmal reichen für eine gute Idee vier Ecken und ein Loch. Viel mehr ist an der Duschbodenplatte Poresta BF 95 nun wirklich nicht auszumachen.
Und doch ist dieses Produkt nicht nur der Verkaufsschlager von Illbruck Sanitärtechnik. Sondern es besiegelt gleichzeitig das Ende der berüchtigten Stolperfalle im Badezimmer: der Duschtasse.
Natürlich hat auch Firmenchefin Sabina Illbruck die Erfindung in ihrem Bad. Die Poresta BF 95 ist unter den Fliesen ihrer Dusche verlegt. Nahtlos geht der Badezimmer- in den Duschboden über. Für solche Bäder mussten Fliesenleger lange Zeit teure Maßarbeit leisten. Seit der Erfindung der Poresta-Platte ist die "barrierefreie Dusche", so heißt sie in der Branche, ein Massenphänomen.
Sanitärhersteller, die bis vor ein paar Jahren noch Duschtassen bauten, verkaufen nun immer weniger ihrer Produkte. 2005 waren es in Deutschland noch eine Million, drei Jahre später schon ein Drittel weniger. Im gleichen Zeitraum steigt die Anzahl neu gebauter barrierefreier Duschen von 125.000 auf rund 380.000, davon liefert allein Illbruck 50.000. "Barrierefreie Bäder sind ein Trend, der weitergehen wird", sagt Frank Ebisch, Sprecher des Zentralverbands Sanitär, Heizung, Klima.
Die Not trieb die Entwicklung voran. Als die heute 49-Jährige vor vier Jahren die Geschäftsführung übernahm, schrieb das Unternehmen das fünfte Jahr in Folge rote Zahlen. Insgesamt hatte sich ein Verlust von 12 Mio. Euro angehäuft. Kleines Geld, wenn man ein kleiner von drei Bereichen des großen Illbruck-Konzerns ist, der damals pro Jahr 260 Mio. Euro Umsatz erwirtschaftete. "Man sagte bei jeder Sitzung: Um den Sanitärbereich kümmern wir uns ein andermal", sagt Illbruck. "Ein andermal" beginnt 2004.
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Jahrzehntelang war die Sanitärfirma mit der Marke Poresta Marktführer von Trägersystemen für Badewannen. Nun musste etwas Neues her. Illbruck geht durch das Werk, spricht mit Vertriebsleuten und Entwicklern. Und erkennt einen Trend: "Die Leute wollten weniger Badewannen und größere Duschplätze."
Das private Bad sieht ohne Duschtasse einfach schicker aus - und bei Hotels, Alten- und Pflegeheimen hat die Barrierefreiheit einen praktischen Hintergrund: Rollstuhlfahrer und ältere Menschen sollen sich besser bewegen können. Maximal 2,5 Zentimeter hoch soll eine Kante sein, steht in den DIN-Normen, die es seit einigen Jahren in diesem Bereich gibt. "Daran kam bei öffentlichen Ausschreibungen niemand vorbei", sagt Karl Iglhaut, Chef der Produktentwicklung bei Illbruck. Der Auftrag war klar: weg mit der Stolperkante.
Der Trend war alles andere als Geheimwissen von Illbruck. Allerdings haben ihn "einige große Hersteller glatt verschlafen", sagt ein Brancheninsider. Andere Produzenten haben zwar ihre Emaille- oder Stahltassen den Normen angepasst. "Aber eine Kante blieb immer bestehen", sagt Illbruck. Völlig plane Böden, die man verfliesen kann, mussten Estrichleger weiter in Handarbeit herstellen.
Illbruck setzt auf diese Lücke, lässt eine Bodenplatte entwickeln, die nahtlos in der Estrichschicht versenkt werden kann, die ein kaum merkbares Gefälle zum Abfluss besitzt und zudem gut schallgedämmt und wasserdicht ist. 2005 kommt die Platte mit dem Namen Poresta BF 95 auf den Markt. Eine Marketingstrategie für das neue Produkt war nicht nötig, sagt Illbruck: "Der Name Poresta sprach für sich selbst."
Noch im selben Jahr schreibt Illbruck schwarze Zahlen, 2006 macht das Unternehmen mit 38 Mio. Euro den besten Umsatz der Firmengeschichte, erwirtschaftet dabei einen Gewinn von rund 4,5 Mio. Euro.
Seit der Einführung 2005 hat Illbruck weltweit 250.000 Poresta-Platten abgesetzt. Und ändert damit seine Rolle. Lieferte es vorher nur Träger für die Hersteller von Duschtassen, bietet es nun ein überlegenes Konkurrenzprodukt an. "Da wollten wir gar nicht hin", sagt Illbruck, "aber die Nachfrage war da. Den Trend konnte man nicht aufhalten."
Von offener Konfrontation spricht in der eng verflochtenen Sanitärbranche aber niemand. "Im Bereich Duschtassen sind uns sicher Marktanteile weggebrochen", sagt Helmut Bürschgens von Duscholux. Illbruck ist dazu übergegangen, diesen Herstellern dabei zu helfen, auch deren Duschtassen bodeneben zu machen. "Davon profitieren beide Seiten", sagt Bürschgens.
Andere Hersteller fertigen nun Türen für die ebenen Duschen. Und natürlich gibt es längst Nachahmer, die plane Lösungen gefunden haben. Eine ganze Branche reagiert auf eine simple, wenngleich technisch anspruchsvolle Erfindung. Und so gibt Sabina Illbruck eine klare Vision aus: "Dass irgendwann jede bodenebene Dusche in Deutschland auf der Poresta-Technologie basiert."
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